Der Verständigungsschlüssel zur Rudelstellung

Seit einigen Jahren offeriert ein „Verein für vererbte Rudelstellungen e.V.“ Dienste zur Hunde-Einschätzung und -Haltung nach der „Karl-Werner-Rudelstellungslehre“. Auch das ZDF rührte zur Förderung seiner „Hundeflüsterin“-Serie 2014 kräftig die Werbetrommel für die Rudelstellungslehre. Zeitweilig erhielt der Verein durch die ZDF-Werbung großen Zulauf. Er bot verblüffend einfache Erklärungen für alle Hundeprobleme und gewann so Tausende von Kunden und Anhängern, die ihre Hunde fortan „in Rudelstellung“ hielten. Andere fragten sich: Ist da etwas dran? Können Hunde wirklich angeborene Rudelstellungen haben? Und wurden diese, wie das ZDF ernsthaft auf seiner Website behauptete, von einem „Adels-Rudelzüchter Karl Werner“ entdeckt?

Laut Wikipedia ist alles ganz anders. Demnach ist die Rudelstellungslehre eine unlängst erfundene „Pseudowissenschaft mit kommerziellem Hintergrund“ – also Scharlatanerie. Allerdings keine harmlose, denn Videos zeigten massive Verhaltensstörungen bei Hunden, die jahrelang „in Rudelstellung“ gehalten wurden. Etliche bissen sich in Zwingern von Anhängerinnen gegenseitig tot, andere, die nicht mehr vorzeigbar waren, ließ der Verein mit der Begründung „aggressiv“ oder „Gendefekt“ einschläfern. Aus diesen Gründen steht der Verein mittlerweile auf der Beobachtungsliste von Behörden und Tierschutzorganisationen.

Dabei klingt die Grundidee zumindest originell: Bei Hunden gibt es 7 Kasten, vom Verein als „Rudelstellungen“ bezeichnet. Jeder Hund wird in seiner Kaste geboren und bleibt lebenslang darin. Nur sie, nicht Rasse oder Umwelt, ist maßgeblich für sein Wesen und Verhalten. Man soll Hunde stets ihrer Rudelstellung gemäß behandeln. Wie in menschlichen Kastengesellschaften gibt es Parias, die „Bindehunde“, mit denen man nicht interagieren soll. Für Menschenkommunikation, sprachlich und „telepathisch“, sind die „Leithunde“ zuständig. Glücklicherweise stellten sich Einzelhunde zahlungskräftiger Kunden fast immer als „Leithund“ heraus.

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Jeder Interessent muss zunächst die Stellung seines Hundes auf einem nicht ganz billigen „Workshop“ einschätzen lassen. Denn für normale Menschen sind die angeborenen Rudelstellungen nicht sichtbar. Allein die Erfinderin der Lehre, Barbara Ertel, besitzt die Fähigkeit, die Rudelstellung eines Hundes zu erkennen. Dadurch erzielte sie über eine Scheinfirma des Vereins hohe Einnahmen mit Einschätzungen und allerlei ähnlichen Angeboten.

Die Lehre der vererbten Rudelstellung (kurz RS) mit ihrer Führerin und ihrer teils eifernden Gefolgschaft steht nicht allein. Sektenartige Strukturen mit kommerziellem Hintergrund haben sich in manchen Bereichen etabliert, von Esoterik und Religion über Gesundheit und Lebenshilfe bis hin zur Vorhersage von Börsenkursen. Der gemeinsame Glaube an eine Lehre oder ein Wundermittel gibt Anhängern Rückhalt und Bestätigung, manchen ihren Lebensinhalt. Entsprechend fanatisch werden solche Lehren verteidigt.

Wir möchten auf diesem Blog exemplarisch die Rudelstellungslehre, ihr Geschäftsmodell und ihren Wahrheitsgehalt unter die Lupe nehmen. Also haben wir unter anderem

Führende Experten – Kanidenforscher, Zoologen, Verhaltensbiologen und Genetiker, Tierschützer, Züchter, Hundetrainer und Meuteführer – wurden in Interviews zu vermeintlichen und tatsächlichen Rudelstellungen befragt. Die in Hunde- und Wolfsverbänden real beobachteten Strukturen sind in Fachartikeln erläutert. In Erfahrungsberichten schildern Hundehalter, die sich – zumindest vorübergehend – auf die Rudelstellungslehre eingelassen haben, ihre teils bizarren Erlebnisse. Einen Überblick finden Sie unter Fragen und Antworten.


Nachtrag (November 2017). Mittlerweile ist RS Vergangenheit. Die Geldquelle ist versiegt, der Verein pleite, seine Hunde weggenommen, seine Anhängerschaft davongelaufen, und sogar das ZDF hat alle Spuren seiner peinlichen Esoterik-Werbung im Webauftritt getilgt. Nur etwa 20 Anhängerinnen folgen immer noch unbeirrt der RS-Lehre und ihrer Führerin Ertel. Dennoch wollen wir diese Website online lassen. Sie bietet nicht nur Einblick in Entstehung, Verbreitung und Kommerzialisierung eines esoterischen Narrativs, sondern auch eine Fülle interessanter Fachartikel zum Gruppenverhalten von Hunden und Wölfen.

Die geäußerten Ansichten auf diesem Blog sind stets die des jeweiligen Autors oder Interviewpartners, also nicht „unparteiisch“. Wir bemühen uns aber um Fairness und achten darauf, dass alle hier in Artikeln veröffentlichten Informationen nachvollziehbar und belegbar sind. Alle Quellen, soweit nicht sowieso aus dem Zusammenhang ersichtlich, sind am Ende des Artikels aufgeführt. Alle Kommentare geben nur die Meinungen ihrer Verfasser wieder.

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